Zum Inhalt springen

← Gesprächsstoff

Segeln lernt man nicht bei Windstärke 12

Warum ein schlechter Übungstag nichts über Ihren Fortschritt sagt und wie sich Übungszeit in den Alltag schmuggeln lässt, mit Sparschweinchen und Würfel.

Von Julia Grebe · Juni 2026 · Lesezeit: 4 Minuten

Ich bin noch nie gesegelt. Die Vorstellung allerdings, dass man mich ahnungslos bei Windstärke 12 zum Segeln auffordert, macht das Segeln lernen auch nicht reizvoller. Zur Erklärung: Windstärke 12 beginnt bei 118 Kilometern pro Stunde. Es ist die höchste Stufe der Skala, darüber kommt nichts mehr. Die amtliche Beschreibung der Auswirkungen an Land lautet schlicht: schwerste Verwüstungen.

Hätte ich in den letzten Jahren, Tagen oder Monaten regelmäßig geübt und eine ungefähre Ahnung von dem, was zu tun ist, wäre mir vermutlich immer noch mulmig. Allerdings wäre ich den Elementen nicht mehr ganz so hilflos ausgeliefert.

Lernen bleibt lebenslang möglich

In Extremsituationen möchten wir gern auf Wissen und Kompetenzen zugreifen können, die mindestens Expertenlevel, wenn nicht sogar Genielevel haben. Die weniger gute Nachricht: keine von uns kommt als Allround-Wunderkind auf die Welt. Fähigkeiten eignen wir uns im Laufe unseres Lebens an. Die gute Nachricht: in unserem Gehirn sind alle nötigen biologischen Mechanismen zum Lernen lebenslang aktiv.

Um diese Mechanismen zu nutzen, genügt die Geduld, eine Aufgabe nicht auf einmal schaffen zu wollen. Genauso entscheidend ist es, bei Rückschlägen weiterzumachen. Wie weit man damit kommt, hat jemand vorgemacht, der neuntausend Fehlversuche gebraucht hat und trotzdem nicht von Fehlschlägen sprach: Edison oder der 10.000. Fehlschlag, den es nie gab.

Und hier lohnt sich ein genauerer Blick, weil die meisten von uns an dieser Stelle das Falsche aus einem schlechten Tag schließen.

Die Lernforschung unterscheidet zwischen Leistung und Lernen. Leistung ist das, was Sie am Übungstag sehen: Wie sauber war das Musikstück? Wie ruhig blieben Sie im Streit? Lernen ist das, was hinterher übrig bleibt. Und das lässt sich am Übungstag überhaupt nicht beobachten.

Die beiden laufen nicht parallel. Es gibt sogar Bedingungen, unter denen die Leistung beim Üben schlechter wird und das Lernen trotzdem besser: wenn man in kurzen Einheiten übt statt am Stück, wenn man die Situation variiert statt immer dieselbe zu wiederholen, wenn man sich abfragt statt noch einmal nachzulesen. In der Forschung heißen solche Bedingungen erwünschte Schwierigkeiten. Am Übungstag fühlen sie sich nach Rückschritt an. Wochen später steht die Fähigkeit besser da.

Ein schlechter Übungstag ist also kein Beweis dafür, dass nichts hängen bleibt. Er ist nur ein schlechter Übungstag.

Leider gaukeln wir uns trotzdem vor, dass wir bei vermeintlichem Versagen „niemals“ schaffen werden, das Musikstück fehlerfrei zu spielen oder beim nächsten Streit den kühlen Kopf zu bewahren. Wir vergessen zu leicht, dass wir immer noch auf das Ziel zusteuern und mehr Wissen und Kompetenz im Gepäck haben als vor unserem „Versagen“.

Übungszeit steckt im Alltag

Sie können zum Beispiel sogenannte „tote Zeiten“ sinnvoll zum Üben nutzen: beim Warten an der roten Ampel, an der Kasse im Supermarkt, auf dem Weg zur Arbeit.

Vera F. Birkenbihl nennt diese Zeiten „Sparschweinchenzeiten“: Zeitspannen, die bereits vergeben sind. Meist zu wenig, um ernsthaft zu arbeiten, aber zu viel, um nur mit dem Finger auf dem Lenkrad oder Tisch herumzutrommeln. Solche Zeiten kann man für Denkvorgänge zu Themen nutzen, die einem derzeit wichtig sind.

Und das ist mehr als eine Notlösung für Vielbeschäftigte. Kurze, über den Tag verteilte Einheiten gehören zu genau den erwünschten Schwierigkeiten von eben. Sie fühlen sich weniger produktiv an als eine ordentliche Stunde am Schreibtisch. Sie wirken trotzdem besser.

Gemeint ist dabei dieselbe Sache mehrmals hintereinander, nicht mehrere Sachen gleichzeitig. Das funktioniert nämlich ziemlich schlecht: Monotasking ist toll: warum Ihr Gehirn nicht parallel kann.

Ein Würfel gegen das Aufschieben

Wenn Sie eine bestimmte Umgebung zum Üben benötigen und sich einfach nicht aufraffen können, lassen Sie doch das Schicksal entscheiden und würfeln Sie. Fällt eine Eins, Zwei oder Drei, üben Sie 20 Minuten. Bei einer Vier, Fünf oder Sechs üben Sie nicht. Und dürfen sich gern kurz wieder als Schüler fühlen, der unerwartet „Hitzefrei“ bekommen hat.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Würfeln und Segeln!

Woher die Angaben stammen

Die Werte der Beaufort-Skala stehen im Glossar des Deutschen Wetterdienstes. Die Unterscheidung zwischen Leistung und Lernen und die erwünschten Schwierigkeiten beschreiben Nicholas C. Soderstrom und Robert A. Bjork in „Learning Versus Performance. An Integrative Review“, Perspectives on Psychological Science 10/2 (2015), Seiten 176 bis 199.

Stand: August 2026

Zurück zur Übersicht →