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Monotasking ist toll:
warum Ihr Gehirn nicht parallel kann

Warum das Gehirn bei allem, was Aufmerksamkeit fordert, nur nacheinander kann, was jeder Wechsel kostet und wie schwere Entscheidungen sich in alles einmischen.

Von Julia Grebe · Juni 2026 · Lesezeit: 6 Minuten

In meinen Seminaren und auch im Einzelcoaching bitte ich die Teilnehmer immer wieder, mir genau zu beschreiben, wie so eine Entscheidungsfindung konkret abläuft. Die einfach getroffenen „leichten“ Entscheidungen halten die meisten übrigens für nicht weiter erwähnenswert. Sie sind selten der Grund, warum jemand ein Seminar besucht oder ein Coaching bucht. Schmerzen, Zweifel oder Qualen verursachen sie schließlich nicht. Erstaunlich, wie wenig uns bewusst ist, was wir schon jeden Tag gut und mit Leichtigkeit machen.

Im Vergleich: wie viele „schwere“ Entscheidungen treffen Sie pro Tag, Woche oder Monat? Und wie viele „leichte“? Haben Sie sich schon mal dafür auf die Schulter geklopft, wie gut Sie mit den meisten Ihrer Entscheidungen im Leben umgehen?

Wann das Gedankenkarussell anspringt

Die meisten meiner Teilnehmer berichten mir, dass die schweren Entscheidungen viel Zeit in Anspruch nehmen und sie damit eine ganze Weile beschäftigt sind.

Und zwar meistens dann, wenn:

  • Sie grade einschlafen möchten und müssen. Aber nein: bäng, da ist es, das Gedankenkarussell. Und besonders gut funktionierende Karusselle können so viel Krach machen, dass sie uns wecken. Einfach so. Mitten in der Nacht.
  • Sie sich unbedingt vorbereiten und konzentrieren müssen. Man müsste sich dringend auf das gleich beginnende Meeting vorbereiten, aber diese anstehende Entscheidung schießt einem immer wieder in den Kopf und verhindert, dass man sich fokussiert. Ich beginne also das wichtige Meeting mit den Worten: „Hallo, ich bin Julia Grebe und überlege, mich von meinem Freund zu trennen.“
  • Sie Routinearbeiten erledigen. Hin und wieder sind es grade die täglichen Arbeiten, die nicht viel Konzentration erfordern, die eine wunderbare Grundlage für das Gedankenkarussell bieten. Sie machen die Ablage, während die Entscheidung zum neuen Job noch aussteht? Spätestens beim K für Kündigung ist die Arbeit in Gefahr. Und Sie können Ihrem Vorgesetzten beim besten Willen nicht erklären, wo diese Unterlagen abgeblieben sind.
  • Sie sich mit Freunden treffen. Sie haben sich mit Ihren Liebsten verabredet, um endlich mal wieder einen geselligen Abend zu verbringen. Und während alle anderen sich über diese lustige Geschichte kaputtlachen, haben Sie schon Muskelkater vom Mundwinkel-Hochhalten und versuchen krampfhaft, diese innere Stimme doch wenigstens für heute Abend zum Schweigen zu verdonnern.

Warum das Gehirn nicht parallel kann

Vier Situationen, ein Muster. Und das ist keine persönliche Schwäche, sondern schlicht die Bauweise.

Bei allem, was Aufmerksamkeit verlangt, arbeitet das Gehirn nacheinander. Es kann nicht zwei Dinge gleichzeitig denken. Was es kann, ist sehr schnell hin und her schalten, so schnell, dass es sich von innen wie Gleichzeitigkeit anfühlt. Echtes Nebeneinander gibt es nur, wenn mindestens eine der beiden Tätigkeiten automatisch läuft. Gehen und reden geht. Bügeln und Radio hören geht. Zuhören und eine Mail formulieren geht nicht, auch wenn wir es alle täglich versuchen.

Jedes Umschalten kostet. In Untersuchungen dazu stieg die Bearbeitungszeit um bis zu 40 Prozent, wenn zwischen Aufgaben gewechselt wurde.

Und dann kommt der Teil, den kaum jemand kennt.

Beim Wechsel bleibt ein Teil der Aufmerksamkeit bei der alten Aufgabe hängen. In der Forschung heißt das Aufmerksamkeitsrückstand. Sie sitzen im nächsten Meeting und ein Stück von Ihnen ist noch im vorigen. Sie lesen die Mail und ein Stück von Ihnen ist noch beim Telefonat davor.

Der Rückstand ist dabei nicht immer gleich groß. Er ist deutlich größer, wenn die vorige Aufgabe unerledigt war.

Und jetzt schauen Sie noch einmal auf Ihre eigene Liste von eben. Eine Entscheidung, die Sie noch nicht getroffen haben, ist die extremste Form einer unerledigten Aufgabe, die es gibt. Sie hat keinen Feierabend, keinen Abgabetermin, kein natürliches Ende. Sie hinterlässt deshalb Rückstand in allem, was Sie danach anfassen.

Ihre vier Situationen sind keine vier Zufälle. Sie sind viermal dasselbe.

Was Ihre Entscheidung dazu sagt

Und wissen Sie was? Wenn ich Ihre Entscheidung wäre, würde ich das genauso machen. Ich hätte auch gern Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit, statt mich mit allen Kräften als Hintergrundprozess bemerkbar zu machen. Ich würde schreien und toben und laut sein, um meinen Job zu machen: in all meinen Möglichkeiten ent-schieden zu werden. Ich möchte, dass Sie alle anderen Aufgaben zur Seite legen und sich mit mir beschäftigen. Denn ich bin wichtig. Sonst würde ich nicht immer wieder auftauchen.

Mono statt Multitasking

Zwei Zahlen aus der Arbeitsforschung, die ich seit dem Lesen nicht mehr loswerde. Menschen im Büro werden im Schnitt alle drei Minuten unterbrochen. Und sie brauchen bis zu 23 Minuten, um zur ursprünglichen Aufgabe zurückzufinden.

Rechnen Sie das einmal gegeneinander. Wer alle drei Minuten unterbrochen wird und 23 Minuten zum Zurückfinden braucht, findet nie zurück. Er ist den ganzen Tag unterwegs zwischen Dingen und kommt bei keinem an.

Und das hat nichts damit zu tun, dass unsere Aufmerksamkeitsspanne angeblich geschrumpft sei. Die Behauptung stimmt nämlich nicht: Jetzt mal langsam! Der Mythos von den acht Sekunden.

Das ist der eigentliche Preis des Nebeneinanders. Nicht, dass man langsamer wird. Sondern dass man nirgendwo mehr ganz ist.

Deswegen der Vorschlag, der so altmodisch klingt: eins nach dem anderen. Nicht aus Disziplin und nicht aus Prinzip, sondern weil das Gehirn es sowieso nur so kann. Sie tun sich damit keinen Zwang an. Sie hören nur auf, gegen die eigene Bauweise zu arbeiten.

Und das gilt für Entscheidungen ganz besonders. Nehmen Sie sich die Zeit und Aufmerksamkeit, die Ihre Entscheidung verdient, und widmen Sie ihr für eine Weile Ihre volle Aufmerksamkeit. Sie wird es Ihnen mit durchschlafenen Nächten und Ruhe danken.

Falls Sie gerade denken, dass Sie diese Zeit gar nicht haben: Meistens ist mehr davon da, als es sich anfühlt. Alles wird gut: Entscheidungen unter Zeitdruck.

Wenn gerade keine Zeit ist

Bleibt die Frage, was Sie machen sollen, wenn Sie diese Aufmerksamkeit gerade nicht haben. Nachts um drei zum Beispiel. Da lässt sich nichts Vernünftiges entscheiden, und trotzdem läuft das Karussell.

Hier gibt es einen Befund, der mich beim Nachlesen überrascht hat. Man könnte annehmen, dass nur das Erledigen den Kopf frei macht. Das stimmt so nicht. Was den Aufmerksamkeitsrückstand verringert, ist eine kurze, konkrete Notiz: wo stehe ich gerade, was ist der nächste Schritt, wann mache ich weiter. Und das wirkt sogar dann, wenn die Sache unerledigt bleibt.

Sie müssen also nicht entscheiden. Sie müssen nur festlegen, wann Sie entscheiden.

„Samstagvormittag, nach dem Frühstück, am Küchentisch, eine Stunde.“ Aufschreiben, hinlegen, schlafen. Und am Samstag geben Sie Ihrer Entscheidung dann die ungeteilte Aufmerksamkeit, um die sie die ganze Woche gebeten hat.

Eins nach dem anderen eben. Auch beim Entscheiden.

Woher die Angaben stammen

Zu den Kosten des Aufgabenwechsels: Joshua Rubinstein, David Meyer und Jeffrey Evans, „Executive Control of Cognitive Processes in Task Switching“, Journal of Experimental Psychology: Human Perception and Performance 27/4 (2001). Den Aufmerksamkeitsrückstand beschrieb Sophie Leroy in „Why is it so hard to do my work?“, Organizational Behavior and Human Decision Processes 109/2 (2009), Seiten 168 bis 181. Die Zahlen zu Unterbrechungen im Büro stammen von Gloria Mark, Daniela Gudith und Ulrich Klocke, „The Cost of Interrupted Work“, CHI 2008. Dass unterbrochene Aufgaben wieder aufgenommen werden wollen, beschrieb Maria Ovsiankina bereits 1928.

Stand: August 2026

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