
Die wenigsten wichtigen Entscheidungen müssen innerhalb von Sekunden getroffen werden. Selbst die telefonische Zusage des neuen Jobs durch den neuen Arbeitgeber erfordert meist kein sofortiges Ja. Sie lässt sich mit der Bitte um Bedenkzeit um einige Stunden vertagen. Andererseits plagen wir uns oft sogar jahrelang mit einer bestimmten Entscheidung, die wir treffen, dann wieder verwerfen und wieder neu treffen.
Gehen Sie doch kurz auf eine kleine Reise mit mir. Erinnern Sie sich noch an die Zeit als Teenager, als jede Entscheidung („Soll ich ihn anrufen oder warten, bis er sich meldet?“ oder „Sage ich meiner Freundin, dass ihre Frisur einfach nur furchtbar ist oder nicht?“) potentiell bei fehlerhafter Einschätzung mit einem kleinen Weltuntergang verbunden war? Über welche dieser bewegenden Momente des Dramas können Sie heute schmunzeln? Ich vermute mal, dass viele von uns, die in Tagebüchern dieser Zeit blättern, nicht mehr wirklich nachvollziehen können, was uns damals als Zentrum unseres Universums bewegt hat. Und ich wage zu behaupten, dass die Entscheidungen, die wir damals getroffen haben, heute nicht mehr die Wichtigkeit hätten, die wir ihnen zu ihrer Zeit beigemessen haben.
Omas Merksatz und der Faktor Zeit
„Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird.“
So altvertraut und abgenutzt Omas Merksatz auch klingt, es steckt viel Wahrheit darin. Wir neigen dazu, dem Faktor Zeit eine besonders große Rolle einzuräumen, je mehr wir glauben, die Auswirkungen überblicken zu können. Je konkreter die Wahrscheinlichkeit für einen bestimmten Ausgang unserer Wahl ist, desto mehr setzen wir uns unter Zeitdruck.
Der Tunnelblick unter Stress
Als gestresster Entscheider glauben Sie, keine Zeit für die Erwägung anderer Alternativen zur Verfügung zu haben. In den meisten Fällen wäre aber tatsächlich ein größerer Spielraum möglich, als wir uns zugestehen.
Was dabei in uns passiert, beschreibt die Psychologie seit den fünfziger Jahren. Emotionale Erregung verringert die Zahl der Reize, die wir überhaupt noch verarbeiten. Je angespannter wir sind, desto kleiner wird der Ausschnitt, den wir sehen. Später bekam das Phänomen den Namen cognitive tunneling. Der Zeitdruck ist dabei der Auslöser, die Verengung ist die Folge.
Der berühmte Tunnelblick, der in Stresssituationen häufig auftaucht, sorgt dafür, dass wir nur noch einen kleinen Ausschnitt unserer Wahlmöglichkeiten wahrnehmen und alles andere ignorieren. Wir sammeln grade für wichtige Entscheidungen unter Stress keine weiteren Informationen. Wir folgen dem Gefühl, jetzt schnell handeln zu müssen.
Berufsgruppen, die in Notsituationen sofort reagieren müssen, werden genau dagegen trainiert. In der Luftfahrt gibt es dafür ein Verfahren mit dem sperrigen Namen FOR-DEC, entwickelt beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Sechs Schritte, die eine Crew auch dann durchgeht, wenn es eilig ist: Welche Fakten habe ich wirklich? Welche Optionen gibt es? Welche Risiken und welche Chancen? Erst dann die Entscheidung, dann die Umsetzung, und am Ende die Kontrolle, ob es wirkt. In der Medizin und in Krisenstäben wird inzwischen genauso gearbeitet.
Ein Pilot im Notfall hat weniger Zeit als Sie bei Ihrem Abteilungswechsel. Und er nimmt sich diese sechs Schritte trotzdem.
Da die meisten von uns nicht mit solch weitreichenden Konsequenzen zu rechnen haben, wenn sie eine Entscheidung um einige Minuten, Stunden, Wochen oder Monate vertagen, ist unsere Reaktion auf Stresssituationen genau betrachtet recht unverständlich.
So verschaffen Sie sich Raum
Trainieren Sie Ihre Stressresistenz. Geben Sie sich ganz bewusst einige zusätzliche Minuten, in denen Sie über die Kriterien nachdenken, bevor Sie Ja oder Nein sagen. Üben Sie im Kleinen und beginnen Sie in Ihrem Freundeskreis. Die Antwort auf die nächste Bitte, die jemand an Sie richtet, vertagen Sie einfach auf den Abend oder nächsten Morgen, auch wenn Ihre Entscheidung schon feststeht. Ihr Arbeitgeber benötigt die Entscheidung zu Ihrem Abteilungswechsel genau jetzt? Bitten Sie um eine halbe Stunde Bedenkzeit, um wenigstens die offensichtlichsten Vor- und Nachteile durchdenken zu können. Wie Sie diese halbe Stunde so nutzen, dass am Ende wirklich etwas herauskommt, steht hier: Warum Pro- und Kontralisten selten entscheiden helfen. Üben Sie, wann immer Sie können, Entscheidungen ohne Panik zu treffen. Verschaffen Sie sich ein wenig Raum.
Ein Seminarteilnehmer berichtete mir, dass er in Meetings regelmäßig den Raum verließ, sobald Entscheidungen anstanden, um sich „die Hände waschen zu gehen“. Für ihn war der Ruf, unter einer Waschneurose zu leiden, nicht halb so schlimm zu ertragen wie unter Druck und Stress getroffene Fehlentscheidungen, deren Konsequenzen er nicht überblicken konnte.
Ich fand das damals originell. Heute finde ich es klug. Denn unter Zeitdruck verschlechtern sich Entscheidungen in Gruppen auf eine sehr vorhersehbare Art: Es werden weniger Alternativen erwogen, es wird autoritärer geführt, und alle nehmen bevorzugt das auf, was zur ohnehin bevorzugten Lösung passt. Wer in so einer Runde kurz den Raum verlässt, holt sich genau das zurück, was der Gruppe gerade abhandenkommt.
Warum das so gut wirkt und was im Kopf passiert, wenn wir zwischen Dingen hin und her springen: Monotasking ist toll: warum Ihr Gehirn nicht parallel kann.
Also raus aus dem Tunnel und genießen Sie die Aussicht, auch wenn es mal schnell gehen muss.
Woher die Angaben stammen
Dass emotionale Erregung die Zahl der wahrgenommenen Reize verringert, beschrieb James A. Easterbrook 1959 in „The effect of emotion on cue utilization and the organization of behavior“, Psychological Review 66/3. Zum Entscheidungsmodell FOR-DEC und seiner Herkunft beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt gibt es eine gute Übersicht. Was unter Zeitdruck in Gruppen passiert, fasst Gesine Hofinger in „Entscheiden unter Zeitdruck“ zusammen, Zeitpolitisches Magazin 36 (2020).
Stand: August 2026
