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Edison oder der 10.000. Fehlschlag, den es nie gab

Warum gute Vorsätze scheitern, was ein starrsinniger Erfinder damit zu tun hat, und wie eine Testphase dabei hilft, Pläne an den Alltag anzupassen.

Von Julia Grebe · April 2026 · Lesezeit: 6 Minuten

Der Name „Thomas Edison“ ist Ihnen vermutlich ein Begriff. Sie nutzen sogar irgendwo in Ihrem Haushalt selbst eine Erfindung von ihm: überall da, wo Sie eine Glühbirne in eine Fassung schrauben, benutzen Sie dafür ein Edisongewinde, entwickelt im 19. Jahrhundert von einem der aktivsten und starrsinnigsten Erfinder seiner Zeit. Über hundert Jahre später kommen Sie also immer noch in den Genuss seiner Hartnäckigkeit.

Edison war bekannt dafür, die Finger nicht von einem einmal begonnenen Projekt lassen zu können. Es gelang ihm, die Voraussetzungen und die Infrastruktur dafür zu schaffen, dass die damaligen Leuchtgaslampen durch ein günstigeres und sichereres Stromnetz ersetzt werden konnten. Auf dem Weg entwickelte er den Stromzähler, die Glühbirne und die Grundlagen unseres Stromnetzes. Am Ende seines Lebens hielt er 1.093 US-Patente.

Als er 1876 sein Labor in Menlo Park bezog, schrieb er dem Präsidenten von Western Union, was er dort vorhabe: alle zehn Tage eine kleine Sache und alle sechs Monate irgendein großes Ding zu erfinden.

Das ist die Seite, die man von ihm kennt. Da Edison vermutlich auch nicht über Superheldenkräfte verfügte, hatte er wie wir alle mit Rückschlägen zu kämpfen. Er bewies bei seinen Forschungen erstaunlichen Starrsinn und trieb seine Partner und Investoren an den Rand der Verzweiflung.

Und damit zu der Geschichte, die fast jeder in einer falschen Fassung kennt.

Sie haben den Satz vermutlich schon gehört: „Ich bin nicht gescheitert. Ich habe nur 10.000 Wege gefunden, die nicht funktionieren.“ Angeblich sagte Edison das einem Journalisten, der ihn wegen der Glühbirne aufziehen wollte.

Nachlesen lässt sich etwas anderes. Die Szene steht in seiner Biografie von 1910, erzählt hat sie Walter S. Mallory, einer seiner engsten Mitarbeiter. Mallory kam ins Labor und sah Edison an einer Versuchsreihe sitzen, an der er schon über neuntausend Mal gearbeitet hatte. Kein Ergebnis. Mallory sagte, es sei doch ein Jammer, bei so viel Arbeit nichts vorweisen zu können. Edison antwortete:

„Ergebnisse! Mann, ich habe eine Menge Ergebnisse! Ich kenne jetzt mehrere tausend Dinge, die nicht funktionieren.“

Es ging dabei um einen Akkumulator, die Glühbirne kam in dem Gespräch gar nicht vor. Und es war kein Publikum dabei, dem man etwas beweisen musste.

Mir gefällt die belegte Fassung besser. Der schlagfertige Satz gegen einen Angreifer ist eine hübsche Anekdote. Der gleiche Satz zu einem Kollegen gesagt, an einem ganz normalen Arbeitstag, nach neuntausend Versuchen, ist etwas anderes. Da spricht jemand, der wirklich so denkt.

Übrigens gibt es auch eine Zahl zur Glühbirne, die sich belegen lässt. In einem Brief seines Mitarbeiters Francis Upton von 1884 sind 2.774 Versuche in der Lampenfabrik festgehalten. Der Brief liegt im Edison-Archiv der Rutgers University, ich habe ihn selbst nicht in der Hand gehabt. Weniger griffig als 10.000, dafür mit Aktenzeichen.

Ein Satz von Edison ist mir dabei besonders im Gedächtnis geblieben, aus einem Interview von 1905:

„Fast jeder, der eine Idee entwickelt, arbeitet so lange daran, bis ein Erfolg unmöglich erscheint. Und dann verliert er den Mut.“

Genau an dieser Stelle wird es interessant.

In diesem Beitrag geht es also darum, wie wir mit Fehlentscheidungen und Fehlversuchen umgehen können.

Wie Versagen im Alltag abläuft

Wenn es Ihnen so geht wie mir, dann passiert beim „Versagen“ häufig Folgendes:

Ich habe mir etwas vorgenommen und es einmal versucht. Es hat nicht geklappt. Vielleicht, aber auch nur vielleicht, versuche ich es auf genau dem gleichen Weg nochmal. Es hat wieder nicht geklappt. Vielleicht ändere ich etwas und versuche es erneut. Es hat wieder nicht geklappt. Ich lasse es sein und fühle mich schlecht.

Ein Beispiel: mehr Sport machen

Schauen wir uns zusammen einmal das für Zielsetzungen immer wieder gern genommene Beispiel „mehr Sport machen“ an.

Sie gehen ins Fitnessstudio. Immer mittwochs, weil Sie wissen, dass Rituale hilfreich sind. In der ersten Woche funktioniert das gut. In der zweiten Woche sind Sie selbstverständlich am Mittwochabend an den Geräten anzutreffen. In der dritten Woche hat Ihre Mutter Geburtstag und Sie können nicht gehen. Sie nehmen sich vor, dafür nächste Woche zweimal zu trainieren. In der vierten Woche arbeiten Sie mittwochs länger und schaffen es nicht mehr rechtzeitig. Einen zweiten Termin am Freitag können Sie nicht wahrnehmen, weil Sie einfach so müde von der Woche sind und jetzt ja sowieso schon zweimal nicht da waren. In der fünften Woche haben Sie vergessen, wo Ihre Sporttasche steht. Jetzt ist es auch schon egal.

Ein Problem lässt sich schwer mit der Herangehensweise lösen, die es hervorgebracht hat. Wenn Sie feststellen, dass Sie mit einem bestimmten Sporttag nicht zurechtkommen, macht es wenig Sinn, den Besuch des Fitnessstudios immer wieder für diesen Tag einzuplanen.

Wenn Sie feststellen, dass Sie gar nicht gerne im Fitnessstudio Sport machen, macht es wenig Sinn, noch zwei weitere auszuprobieren, in der Hoffnung, dass es dort besser klappt.

Sie merken, worauf ich hinauswill? Wir haben oft einen Plan im Kopf, der dann aber auch bitte ganz genau so zu funktionieren hat, wie wir uns das im ersten Anlauf vorgestellt haben. Und wenn er das nicht tut: nun, dann haben wir einfach keine Selbstdisziplin, mangelnde Willensstärke, halten nie etwas durch oder finden uns damit ab, auch weiterhin im dritten Stockwerk eine keuchende Pause auf dem Weg nach oben einlegen zu müssen.

Und dann kommen die Selbstvorwürfe, die alles noch schlimmer machen. Warum das so ist, habe ich hier aufgeschrieben: Wie ein Gewissen schlecht werden kann.

Edison hätte an dieser Stelle vermutlich das Versuchsprotokoll aufgeschlagen und nachgesehen, was genau beim letzten Mal schiefging.

Der andere Weg: eine Testphase

Alternativ könnten wir auch einfach mal was anderes machen. Sie legen sich einen Plan zurecht. Und geben sich selbst einen Termin, bis zu dem Sie eine Testphase damit fahren. In der Geschäftswelt ist das gängige Praxis: Verfahrensprozesse werden getestet, bevor sie in einem ganzen Unternehmen Anwendung finden. Stellen Sie sich mal vor, was für ein heilloses Chaos ausbrechen würde, wenn jeder Plan sofort in allen Konsequenzen umgesetzt wird, ohne zu wissen, ob es denn so auch für alle machbar ist.

Ihre Testphase kann je nach Aufwand und Thema unterschiedlich lang sein. Um neue Gewohnheiten einzuführen, empfehle ich Ihnen, das erste Feedbackgespräch mit sich selbst nach etwa vier Wochen zu führen. Dann haben Sie einen Monat Alltag hinter sich und möglichst viele Informationen gesammelt, was in welchen Situationen machbar ist. Bei kurzfristigen Plänen prüfen Sie jeden Tag, ob Sie noch auf Kurs sind. Schauen Sie genau hin, wenn Sie etwas nicht umsetzen können. Woran liegt es? Die Organisation ist noch nicht ausgereift? Sie haben schlicht keine Lust auf den Ort, die Tätigkeit oder darauf, überhaupt etwas zu tun?

Welche Stellschrauben Sie haben

Überlegen Sie, welche Parameter Ihres Plans Sie verändern können.

  • Sie können sich aus beruflichen oder sozialen Gründen nicht auf einen bestimmten Tag zum Sport festlegen? Deponieren Sie eine Sporttasche im Büro, damit Sie immer gerüstet sind.
  • Sie mögen keine Fitnessstudios? Melden Sie sich für mindestens fünf Probestunden bei verschiedenen Sportanbietern an: Tanzen, Boxen, Aikido, Yoga, Lauftreffs. Meist sind diese Probestunden kostengünstig zu buchen, und Sie finden die Sportart, für die Sie schlechte Laune bekommen, wenn Sie sie ausfallen lassen müssen.
  • Sie finden es so furchtbar öde, eine Stunde auf dem Stepper zu stehen? Verlegen Sie Ihren Freundinnen-Kaffeeklatsch aus Ihrem Lieblingscafé aufs Laufband oder in den Park. Ihre Freundinnen werden es Ihnen danken.
  • Erweitern oder verkürzen Sie die Frequenz. Vielleicht spornt es Sie mehr an, drei Mal pro Woche aktiv zu sein, oder es reicht Ihnen aus, nur alle 14 Tage an den Geräten zu trainieren.

Nehmen Sie Ihre eigenen Bedürfnisse ernst. Nur weil es alle anderen doch auch so machen, muss es für Sie noch lange nicht passen. Haben Sie den Mut, Ihre Testphase neu zu gestalten.

Sie haben ein, zwei oder mehrere Parameter Ihres Plans geändert? Wunderbar, dann legen Sie wieder einen Zeitraum fest, in dem Sie diese ausprobieren. Schreiben Sie sich den neuen Termin in den Kalender, kleben Sie sich ein Poster an die Küchenwand oder malen Sie sich das Datum auf den Spiegel. Prüfen Sie nach Ablauf der Zeit wieder, ob Sie nun mit Ihrem Plan zurechtkommen oder noch etwas anderes verändert werden muss. Machen Sie das so lange, bis Sie feststellen: Sie tun einfach, was Sie sich vorgenommen haben.

Neuntausend Versuche werden es bei Ihnen vermutlich nicht.

Dass es zwischendurch Tage gibt, an denen es schlechter läuft als in der Woche davor, gehört übrigens dazu und bedeutet nicht, dass Sie zurückfallen: Segeln lernt man nicht bei Windstärke 12.

Woher die Angaben stammen

Die Zitate von 1910 und 1905 sind oben im Text verlinkt. Die 2.774 Versuche stehen in einem Brief von Francis Upton an Edison aus dem Frühjahr 1884, verzeichnet im Edison-Archiv der Rutgers University unter D8429ZAO. Ich zitiere ihn nach einer Sekundärquelle, das Original habe ich nicht eingesehen. Wer tiefer graben möchte, findet die Herkunft des berühmten Zitats mit allen Zwischenfassungen beim Quote Investigator.

Stand: August 2026

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