
Kennen Sie das? Sie haben ein wunderbares Ziel. Sie haben es vielleicht sogar SMART formuliert. Sie haben einen ersten Schritt geplant. Sie wissen, wozu Ihr Vorhaben gut ist. Sie haben sich mit möglichen Stolpersteinen beschäftigt. Sie haben Bücher und Blogs gelesen, Sie haben mit Freunden und Familie gesprochen, Sie sind informiert. Und Sie fangen einfach nicht an.
Die ersten Wochen ist das vielleicht noch gar kein Problem. Sie haben ja Zeit. Und im Idealfall gibt es noch nicht mal eine Frist (außer der, die Sie sich selbst gesetzt haben). Sicherlich kann man doch etwas nachsichtig mit so einem Datum umgehen, schließlich haben Sie ja Ihr Ziel immer noch vor Augen und fühlen sich gut, wenn Sie darüber nachdenken, dass Sie es sich jetzt aber wirklich mal gesetzt haben. Nach ein paar weiteren Wochen möchten Sie langsam keine Fragen Ihrer Freunde mehr dazu beantworten, wie es denn vorangeht. Warum haben Sie es auch überall erzählt? Und dieser Zettel am Kühlschrank mit Ihrem Ziele-Satz ist irgendwie auch langsam nervig.
Und das Erzählen war tatsächlich keine gute Idee, allerdings aus einem anderen Grund, als Sie gerade denken. Es liegt nicht an den Nachfragen. Eine Forschergruppe um Peter Gollwitzer hat in vier Experimenten festgestellt, dass Menschen ihre Ziele weniger konsequent verfolgen, wenn sie vorher davon erzählt haben. Der Grund liegt in dem Moment, in dem die anderen anerkennend nicken. Da haben Sie schon ein bisschen von dem bekommen, worum es Ihnen eigentlich geht. Sie sind für einen Augenblick jemand, der regelmäßig zum Sport geht, ohne die Sporttasche auch nur gepackt zu haben. Und wer sich schon halb am Ziel fühlt, hat weniger Grund loszugehen. Besonders stark trifft es übrigens die, denen ihr Ziel wirklich wichtig ist.
Und noch ein paar Wochen später ist es passiert. Ihr Ziel ist zu einem Mahnmal geworden. Von seiner ursprünglichen Attraktivität ist nichts mehr übrig. Es macht einfach nur noch ein doofes Gefühl. Sie haben ein schlechtes Gewissen, weil Sie sich immer noch nicht darum gekümmert haben. Vielleicht werfen Sie sich auch vor, dass Sie nichts auf die Reihe kriegen. Der Zielesatz wandert in die Mülltonne. Und je nachdem, wie nah die Abgabefrist für die Hausarbeit oder der Termin für das Mitarbeiterjahresgespräch gerückt ist, quälen Sie sich durch die verbleibende Zeit mit dem Wissen, dass Sie es eigentlich besser gekonnt hätten. Sie haben Ihre eigenen Erwartungen nicht erfüllt.
Was passiert da mit uns?
Die Ausreden-Falle
Die typische Falle, in die wir tappen, wenn wir uns ein Ziel gesetzt haben, ist, uns selbst mit Ausreden zu versorgen, warum wir (noch) nicht beginnen können oder dürfen.
Sie wollen endlich regelmäßig zum Sport gehen? Und drei Monate später ärgern Sie sich über den Dauerauftrag, der jeden Monat nutzlose 30 Euro von Ihrem Konto für das Fitnessstudio abbucht, das Sie genau einmal von innen gesehen haben.
Sie möchten den Termin mit Ihrem Chef vereinbaren, um die langverdiente Gehaltserhöhung zu besprechen? Nachdem Sie mehrere Stunden gegoogelt haben, wie so eine Gehaltsverhandlung für Sie optimal verläuft, welche 10 besten Sätze Sie unbedingt sagen sollten und welchen Zeitpunkt Sie unbedingt vermeiden müssen, gehen Sie nach Hause und verschieben das Gespräch auf einen beliebigen Zeitpunkt in der Zukunft, an dem Ihre Frisur besser sitzt und die Augen vom Anstarren des Bildschirms nicht ganz so rot sind.
Vermutlich können Sie Beispiele dieser Art aus Ihrer eigenen Erfahrung aus dem Stegreif um mindestens drei ergänzen. Dabei ist uns völlig klar, dass es wichtig und möglicherweise auch dringend ist, was wir uns da vorgenommen haben. Dass es uns weiterbringen wird, wenn wir es durchziehen. Dass es sinnvoll und richtig ist, dieses Ziel oder Projekt zu verfolgen. Unser Kopf weiß das. Aber zieht der Rest von Ihnen mit?
Ihr Gewissen macht seinen Job
Ihr Gewissen macht im Großen und Ganzen einen tollen Job. Es erinnert Sie sozusagen als moralische Instanz daran, was Sie eigentlich tun sollten. Und zwar basierend auf den Regeln, die Sie ihm bewusst oder unbewusst gegeben haben. Großartig, oder?
Leider läuft die interne Kommunikation nicht immer optimal. Da geben Sie nun ein Ziel vor, haben einen Plan und sind anfangs auch optimistisch gestimmt, dass Sie das schon schaffen. Und plötzlich fängt Ihr Gewissen an zu quatschen:
„Hey, du wolltest das doch schon lange erledigt haben. Warum trödelst du so? Du hast doch gesagt, dass du das schaffst!“
Und das eigentlich gut gestimmte Instrument zur Unterscheidung von Richtig und Falsch wird auf einmal lästig. Es wird „schlecht“ und erinnert uns auf sehr unangenehme Weise daran, dass wir aktuell entgegen den Maßstäben handeln, die wir (oder auch andere!) uns gesetzt haben. In den meisten Fällen haben wir ein schlechtes Gewissen, wenn wir etwas NICHT tun, was wir tun sollten, oder etwas tun, was wir eben NICHT tun sollten. Wenn es um Ziele im Leben geht, wird das schlechte Gewissen besonders laut, wenn wir unsere Vorsätze immer wieder aufschieben und einfach nicht anfangen.
Und hier wird es tückisch. Man könnte annehmen, dass ein schlechtes Gewissen antreibt. Die Forschung sagt etwas anderes. Fuschia Sirois und Timothy Pychyl beschreiben Aufschieben als ein Problem der Stimmung und nicht der Zeitplanung. Wir drücken uns vor einer Aufgabe, weil sie sich unangenehm anfühlt, und verschaffen uns damit sofortige Erleichterung. Die Rechnung bekommt unser künftiges Ich.
Die Selbstvorwürfe, die darauf folgen, machen die Sache dann nicht besser. Sie erzeugen genau die schlechte Stimmung, vor der wir uns beim nächsten Mal wieder wegdrücken. Wer sich für das Aufschieben bestraft, schiebt anschließend eher mehr auf als weniger.
Das ist die unbequeme Nachricht für alle, die auf Selbstdisziplin setzen. Und es ist die gute Nachricht für alle, die es damit schon versucht haben.
Fünf Ausreden, fünf Antworten
Lassen Sie mich Ihnen ein bisschen dabei helfen, Ihre Bedenken und Gründe zu entkräften, warum Sie auf gar keinen Fall mit Ihrem Projekt der Zielerreichung anfangen können. Erlauben Sie sich aus vollem Herzen, Ihren Ausreden und Ihrem schlechten Gewissen Lebewohl zu sagen. Wählen Sie sich einfach einen der nachfolgenden Sätze aus, die Sie am meisten ansprechen, und lesen Sie den Text dazu. Und zwar jedes Mal, wenn Sie aufhören anzufangen.
Meine Aufgabe ist zu groß
Ihre Aufgabe ist also zu groß. Die Menschen waren auf dem Mond. Es war ein riesiges Projekt, aber es war nicht zu groß. Natürlich hat es viele Jahre, rund 400.000 Menschen und Milliarden Dollar benötigt, aber es war nicht zu groß.
Natürlich sind Ihre Aufgaben kleiner als ein Flug zum Mond. Höchstwahrscheinlich ist das Problem, dass Sie Ihr Projekt als eine riesige Aufgabe sehen, die Sie jetzt und hier beenden müssen. Das ist sicherlich überwältigend. Denken Sie an Ihr Projekt wie an eine Mondlandung. Sie können den Mond nicht hier und jetzt erreichen. Sie brauchen einen Plan, Gelder, Mitarbeiter, müssen eine Rakete bauen und und und. Die Landung selbst ist nur eine kleine Aufgabe am Ende des Projekts. Denken Sie groß für Ihre Ziele und denken Sie klein für Ihre Aufgaben. Sie werden das Ziel mit einer kleinen Aufgabe nach der nächsten erreichen. Ihr Projekt besteht vermutlich aus vielen kleinen Aufgaben, die nicht zwingend nacheinander erledigt werden müssen. Sie möchten fit werden, aber jetzt grade hat das Sportstudio schon geschlossen? Packen Sie Ihre Sporttasche noch heute und stellen Sie sie an die Haustür. Sie können Ihren Chef erst nächste Woche erreichen, um einen Termin zu vereinbaren? Stellen Sie sich jetzt vor den Spiegel und üben Sie Ihre ersten beiden Sätze, die Sie sagen möchten. Kleben Sie sich ein Post-it mit diesen Sätzen an den Kühlschrank.
Welche kleine Aufgabe können Sie JETZT erledigen?
Und wenn der Plan, den Sie sich zurechtgelegt haben, im Alltag nicht funktioniert: Dann ändern Sie den Plan und nicht sich selbst. Edison oder der 10.000. Fehlschlag, den es nie gab.
Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll
Sie suchen also nach dem richtigen Anfang. Lassen Sie mich Ihnen ein bisschen Zeit sparen.
Aktuell gibt es über acht Milliarden Menschen in der Welt und vermutlich mindestens genauso viele Möglichkeiten, um etwas zu beginnen. Genau genommen gibt es also gar keinen richtigen Anfang. Verschwenden Sie keine Zeit und Energie darauf, etwas zu suchen, was es nicht gibt. Konzentrieren Sie sich darauf, anzufangen. Jedes Mal, wenn Sie feststecken, fangen Sie an. Die wenigsten Projekte laufen ausschließlich linear. Notieren Sie sich mindestens fünf möglichst kleine Aufgaben, die Sie für Ihr Projekt erledigen möchten.
Und jetzt nehmen Sie die dritte. Fangen Sie an.
Ich habe einen Fehler gemacht
Sie haben also einen Fehler gemacht. Das ist schade, aber das ist ok. Jeder Fehler, den Sie machen, hilft Ihnen, etwas Neues zu lernen. Wenn Sie aufgrund dieses Gedankens feststecken, bedeutet das vermutlich, dass Sie Angst vor weiteren Fehlern haben. Sind Ihre Bedenken wirklich zielführend? Werden Sie Ihr Ziel schneller oder besser erreichen, wenn Sie aufgrund eines Fehlers aufhören? Fragen Sie sich stattdessen Folgendes: Was können Sie das nächste Mal anders machen, um den Fehler zu verhindern? Beenden Sie diesen Satz:
Das nächste Mal werde ich …
Ich muss fertig werden
Sie müssen also fertig werden. Ein Projekt zu beenden bedeutet, Sie müssen es jetzt und hier fertigstellen. Da Sie sich mit diesem Satz beschäftigen, ist das wahrscheinlich nicht möglich. Und wenn etwas unmöglich ist, dann sollten Sie keine Zeit und Energie darauf verschwenden. Ein Projekt zu beenden ist ein langfristiges Ziel. Es ist nichts, was Sie hier und jetzt erledigen können. Stattdessen konzentrieren Sie sich darauf, zu beginnen. Ihre wichtigste Aufgabe ist es, Ihr Projekt zu starten.
Ich muss perfekt sein
Sie müssen also perfekt sein. Um perfekt zu sein, müssten Sie über Superheldenkräfte verfügen. Die unter uns, die keine Superkräfte haben, können nicht perfekt sein. Der einzige Weg, über den ein Mensch perfekt sein kann, ist, perfekt menschlich zu sein, und das beinhaltet auch das Fehlermachen. Wir stolpern, wir lernen, und das macht uns menschlich.
Anstatt sich dafür anzuklagen, dass Sie nicht über Superkräfte verfügen, konzentrieren Sie sich darauf, was wichtig ist: mit Ihrem Projekt zu beginnen. Dass Sie sich dafür nicht erst zuversichtlich fühlen müssen, ist ein eigener Beitrag wert: 3 Tipps für mehr Zuversicht: Mut kommt nach dem Start. Seien Sie gnädig mit sich selbst. Und bitten Sie Ihre innere kritische Stimme, die Sie zur ständigen Perfektion auffordert, für die Dauer des Projekts in Urlaub zu fahren.
Nachsicht mit sich selbst hat dabei einen schlechten Ruf. Sie gilt als Ausrede für Leute, die sich einfach nicht anstrengen wollen. In der Forschung zum Aufschieben ist sie die Größe, die den Kreislauf unterbricht. Strenge mit sich selbst ist die, die ihn am Laufen hält.
Ihr Gewissen darf also ruhig weiter seinen Job machen. Es muss nur nicht so laut werden.
Woher die Angaben stammen
Zu den Zahlen des Apollo-Programms und zur Frage, wie viele Menschen daran gearbeitet haben, gibt es eine ausführliche Darstellung in der NZZ. Die Studie zum öffentlichen Ankündigen von Zielen stammt von Peter M. Gollwitzer und Kollegen, „When Intentions Go Public“, Psychological Science 20/6 (2009), Seiten 612 bis 618. Aufschieben als Problem der Emotionsregulation beschreiben Fuschia Sirois und Timothy Pychyl in „Procrastination and the Priority of Short-Term Mood Regulation“, Social and Personality Psychology Compass 7/2 (2013), Seiten 115 bis 127, frei zugänglich als Manuskript.
Stand: August 2026
