
Mit Zweifeln ist das so eine Sache. Richtig toll finden die meisten Menschen es nicht, wenn sie ihre Entscheidungen in Frage stellen.
„Hinterher ist man immer schlauer.“ Das ist eine Weisheit, die oft nur in negativen Fällen zum Zuge kommt. Dabei ist sie so richtig. Und gleichzeitig ist sie es überhaupt nicht.
Die Psychologie kennt den Satz nämlich auch, dort heißt er Rückschaufehler. Gemeint ist Folgendes: Sobald wir wissen, wie eine Sache ausgegangen ist, halten wir diesen Ausgang für viel wahrscheinlicher, als wir ihn vorher eingeschätzt hätten. Wir sind hinterher also gar nicht schlauer. Wir haben nur das Gefühl, wir hätten es kommen sehen müssen. Und mit diesem Gefühl gehen wir dann ziemlich unfreundlich mit uns um.
Viele verwechseln an dieser Stelle außerdem zwei Dinge: Zweifel am Ziel und Zweifel am Prozess.
Zweifel am Ziel, Zweifel am Prozess
- Zweifel am Ziel bedeuten, dass ich eine Entscheidung getroffen habe, ohne vom Ziel, das dahinter steckt, stimmig überzeugt zu sein.
- Zweifel am Prozess heißt, dass ich mir (noch) nicht sicher bin, ob der eingeschlagene Weg der richtige ist, beziehungsweise dass neue Informationen dazu führen, dass der Weg nicht mehr passt.
In beiden Fällen haben die Zweifel ihre Berechtigung. Zweifel sind sozusagen Wortmeldungen innerer Stimmen, die Sie auf etwas Wichtiges hinweisen möchten, dem Sie vielleicht noch nicht genug Beachtung geschenkt haben. Ihre ganz persönliche Qualitätskontrolle hat eine offene Frage entdeckt, die Sie beantworten oder verwerfen können.
Der kritische Mitarbeiter im Kopf
Betrachten Sie Ihre Zweifel also bitte auf keinen Fall als Versagen und als Anlass zu Mutlosigkeit. Stellen Sie sich ein Unternehmen vor, in dem ein visionärer Geschäftsführer einem unglaublich tatkräftigen Planungsteam eine Aufgabe stellt. Die Jungs machen sich direkt an die Arbeit und preschen ohne Rücksicht auf Verluste dem Ziel entgegen. Ohne einen Mitarbeiter, der mal mehr und mal weniger provokant nachfragt, ob das denn alles so seine Richtigkeit hat und ob wirklich alles bedacht wurde, fährt so ein Unternehmen auch ganz schnell mal gegen die Wand.
Erst wenn die Nörgelei zu groß wird und mit den Inhalten nichts mehr zu tun hat, sollte der Chef (das sind SIE!) Einhalt gebieten. Konstruktive Rückmeldungen sind das Stichwort.
Wenn wir also unseren Zweifeln kritisch zuhören, sind wir für mögliche Kurskorrekturen bestens gerüstet.
Wenn Zweifel übermächtig werden
Was passiert aber nun in uns, wenn unsere Zweifel übermächtig werden und uns handlungsunfähig werden lassen?
Eine Seminarteilnehmerin berichtete, dass sie ihre eigenen Entscheidungskompetenzen mittlerweile so in Frage stellt, dass sie am liebsten nie wieder mit großen Entscheidungen konfrontiert werden möchte.
Der Auslöser: ein kaputtes Auto. Sie hatte sich selbst vor die Wahl gestellt, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren oder ein neues Auto zu kaufen. Der Preis für die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel mit sehr viel weniger Zeit für die Familie erschien ihr im Vergleich zu einem vorübergehenden finanziellen Engpass durch einen neuen Autokauf zum Zeitpunkt der Entscheidung zu hoch. Sie kaufte ein neues Auto.
Kurze Zeit später führten familiäre Umstände zu einer unerwarteten finanziellen Zusatzbelastung. Die Entscheidung, ein neues Auto zu kaufen, erschien damit als ein riesiger Fehler und führte zu Selbstvorwürfen und Selbstzweifeln.
Halten wir kurz fest, was hier passiert ist. Die Entscheidung selbst war sauber. Sie hatte die Optionen abgewogen (was gar nicht so selbstverständlich ist, wie es klingt: Warum Pro- und Kontralisten selten entscheiden helfen), sie kannte ihre Prioritäten, sie wusste, was ihr die Zeit mit der Familie wert war. Verändert hat sich nur das, was danach kam, und darauf hatte sie keinen Einfluss.
Trotzdem fühlt sich die Entscheidung im Rückblick falsch an. Dieser Mechanismus hat einen Namen, er heißt Ergebnisverzerrung. In einem berühmten Experiment sollten Versuchspersonen beurteilen, ob ein Chirurg richtig entschieden hatte, eine riskante Operation durchzuführen. Die Beschreibung der Entscheidung war für alle identisch. Nur der Ausgang war unterschiedlich. Starb der Patient, hielten die Teilnehmer genau dieselbe Entscheidung für deutlich schlechter, als wenn er überlebte.
Dieselbe Entscheidung. Dieselben Informationen. Ein anderes Urteil, nur weil das Ergebnis bekannt war.
Meine Teilnehmerin machte mit sich selbst genau das, was die Versuchspersonen mit dem Chirurgen machten.
Von außen betrachtet scheint es logisch zu sagen:
„Aber das konntest du doch nicht wissen.“
Auch wenn sie dieser Aussage rational betrachtet zustimmen konnte, plagte sie sich emotional mit Selbstvorwürfen wie „Hätte ich doch nicht …“ und „Ich hätte es mir doch denken können …“.
Sie traute sich nicht mehr zu, Entscheidungen zu treffen, die wirklich das Beste mit allen Unwägbarkeiten berücksichtigen würden, und hatte Angst davor, ihre Situation durch neue Entscheidungen weiter zu verschlimmern.
Zeit für ihre Familie als höchste Wichtigkeit geriet ins Wanken, weil der Weg zur Erreichung dieses Ziels sich nach den ersten Schritten und veränderten Umständen als schwierig erwiesen hatte.
Leider verlieren wir allzu oft aus den Augen, welcher Sinn und welcher Wert in unserem Leben hinter einer zu einem bestimmten Zeitpunkt getroffenen Entscheidung stecken.
Neues Kartenmaterial
Seien Sie gnädig mit sich selbst, wenn Sie feststellen, dass Ihr Weg Sie nicht mit der Leichtigkeit zum Ziel führt, die Sie sich wünschen, oder wenn eine neue Kreuzung vor Ihnen liegt, die Sie nicht kommen sehen konnten. Warum Nachsicht mit sich selbst dabei mehr bewirkt als Strenge, habe ich in einem eigenen Beitrag beschrieben: Wie ein Gewissen schlecht werden kann.
Wenn Sie von Italien nach Dänemark fahren möchten und hinter den Alpen durch eine Umleitung gezwungen sind, nach Frankreich auszuweichen, wird das Verfluchen der Urlaubsreise-Idee Sie nicht auf die richtige Autobahn zurückbringen. Und es wird Ihnen vermutlich auch nie in den Sinn kommen, deswegen nie wieder zu verreisen. Sie besorgen sich einfach neues Kartenmaterial, hören die aktuellen Staunachrichten und suchen sich eine neue Route. Oder Sie kehren um, weil Ihnen der Zeitverlust den Preis der Urlaubserholung nicht mehr wert ist. Oder Sie bleiben einfach in Frankreich. Es ist wundervoll dort.
Jeder Zweifel, jedes Bedauern, jeder Gedanke, der mit „Hätte ich doch bloß …“ beginnt, liefert Ihnen wertvolle Erkenntnisse darüber, was Sie das nächste Mal mit in Ihre Entscheidungsfindung aufnehmen sollten. Ein finanzieller Puffer ist unerlässlich? Dann lässt sich bestimmt ein Kaufvertrag mit niedrigeren Raten und längerer Laufzeit finden. Ein Autokauf sprengt Ihren Rahmen? Mitfahrgelegenheiten sind mittlerweile auch online zu entdecken. Zeit mit Ihrer Familie ist wichtig? Lassen Sie sich ab und zu von Ihren Liebsten am Büro abholen und machen Sie die gemeinsame Rückfahrt zum Highlight der Woche.
Haben Sie den Mut, neues Kartenmaterial auszuprobieren. Und vergeben Sie sich, dass Sie nicht allwissend sind und über keine Glaskugel verfügen.
Wenn Sie doch eine funktionsfähige Glaskugel besitzen, mailen Sie mir bitte. Unbedingt.
Woher die Angaben stammen
Den Rückschaufehler wies Baruch Fischhoff 1975 nach, „Hindsight is not equal to foresight“, Journal of Experimental Psychology: Human Perception and Performance. Das Experiment mit dem Chirurgen stammt von Jonathan Baron und John Hershey, „Outcome Bias in Decision Evaluation“, Journal of Personality and Social Psychology 54/4 (1988), Seiten 569 bis 579. Eine Wiederholung des Experiments mit 692 Teilnehmern bestätigte den Effekt 2023 in noch deutlicherer Form.
Stand: August 2026
