
Zwei Minuten vor dem Start eines großen Workshops kam jemand auf mich zu und fragte, ob ich mal eben die Kennenlernrunde übernehmen könne. Hundert Leute im Raum, viele noch aneinander vorbeischauend, wie man das so macht, wenn man niemanden kennt.
Mein Herz hat in dem Moment einen ordentlichen Satz gemacht.
Ich habe dann eine Übung gestartet, die mir in genau diesen zwei Minuten eingefallen ist. Ohne Probe, ohne zu wissen, ob sie trägt. Sie hat getragen. Der Raum wurde laut, es wurde viel gelacht, und der Workshop hatte einen Anfang, den ich so nicht hätte planen können.
Hinterher habe ich mich gefragt, warum das gut gegangen ist. Meine Antwort: weil mein Herz vorher einen Satz gemacht hat.
Das Fenster zwischen Langeweile und Panik
Wer sich langweilt, liefert selten etwas Gutes ab. Wer Panik hat, auch nicht. Dazwischen liegt das Fenster, in dem man wach ist und die Sache im Griff hat. Beide Ränder und die Mitte kennen Sie vermutlich aus eigener Erfahrung.
Interessant wird es kurz vor der Panik. Da sitzt die Nervosität, und da ist sie ausgesprochen nützlich.
Nervosität vor einer Aufgabe, die uns wichtig ist, bringt uns genau dorthin. Nur kommt sie bei uns anders an. Wir lesen sie als Warnung.
Zwei Namen für denselben Zustand
Was passiert im Körper, wenn Sie nervös sind? Das Herz schlägt schneller, die Atmung wird flacher, die Aufmerksamkeit steigt. Adrenalin ist unterwegs, der Körper macht sich bereit.
Und wenn Sie sich auf etwas riesig freuen? Dasselbe.
Angst und Vorfreude sehen von innen fast gleich aus. Den Unterschied macht die Deutung. Bedrohung oder Chance, darüber entscheidet der Kopf und nicht der Puls.
Alison Wood Brooks von der Harvard Business School hat das durchgespielt. Sie schickte Menschen in drei Situationen, vor denen fast jeder Herzklopfen bekommt: Karaoke singen, eine kurze Rede vor Publikum halten, Matheaufgaben unter Zeitdruck lösen. Vorher sagte die eine Gruppe „Ich bin aufgeregt“, die andere „Ich bin ruhig“. Das war der ganze Unterschied.
Die aufgeregte Gruppe schnitt jedes Mal besser ab. Beim Karaoke war es sogar messbar, ein Programm bewertete Lautstärke, Tonhöhe und Rhythmus. Bei den Reden urteilten unabhängige Zuhörer: überzeugender, kompetenter, sicherer.
Drei Worte Unterschied.
Der kürzere Weg
Warum hilft „Jetzt beruhig dich“ so selten? Weil es die schwerere Aufgabe ist. Ein Nervensystem, das schon hochgefahren ist, wieder herunterzuholen, kostet echte Kraft. Das ist wie bei einem Topf, der kocht und schnell auf Zimmertemperatur soll. Es geht. Es dauert. Und es verbraucht genau die Energie, die Sie gleich für Ihre Sache brauchen.
Umdeuten ist die kurze Strecke. Gleiche Energie, anderes Etikett. Aus Bedrohung wird Chance, aus Anspannung wird Startschuss.
Dass das mehr ist als eine Sprachregelung, hat Jeremy Jamieson mit seinen Kollegen sichtbar gemacht. Sie luden knapp fünfzig Menschen zu einem Versuch ein, der eigens dafür gebaut wurde, Leute nervös zu machen. Fünf Minuten frei sprechen, vor laufender Kamera, vor zwei Prüfern, die dabei die Stirn runzeln, die Arme verschränken und keine Miene verziehen. Danach von 996 rückwärts in Siebenerschritten zählen, während die beiden weiter mit versteinerten Gesichtern zusehen.
Ein Teil der Leute bekam vorher einen Hinweis von zwei Sätzen: Was Ihr Körper gleich macht, hilft Ihnen. Die Aufregung ist dazu da, dass Sie die Sache hinbekommen.
Bei dieser Gruppe blieben die Blutgefäße weiter und das Herz pumpte mehr Blut. Und jetzt kommt der Teil, den ich am liebsten mag: Unangenehm fanden sie die Situation genauso wie alle anderen. Gefühlt hat sich nichts verändert. Der Körper hat trotzdem anders reagiert.
Machen Sie die Nerven also zu etwas Normalem und lesen Sie sie als Zeichen dafür, dass Ihnen die Sache am Herzen liegt und dass Sie bereit sind.
Nervosität heißt in aller Regel, dass Ihnen etwas an der Sache liegt. Das ist keine Warnung. Das ist Treibstoff.
Die anderen im Raum sind auch aufgeregt
Bei meiner improvisierten Kennenlernrunde war noch etwas los, das ich erst später verstanden habe. Die hundert Leute waren selbst angespannt. Kennenlernübungen macht kaum jemand mit reiner Vorfreude mit, das gehört dazu.
Diese gemeinsame kleine Anspannung hat den Raum getragen. Sie war der Grund, warum überhaupt jemand mitgemacht hat.
Wenn Sie das nächste Mal vor einer Gruppe stehen oder in ein unangenehmes Gespräch gehen, rechnen Sie damit: Die anderen spüren auch etwas. Diese gemeinsame Aufregung stellt oft erst die Verbindung her, um die es eigentlich geht. Wo alle vollkommen entspannt sind, steht für niemanden etwas auf dem Spiel.
Was beim nächsten Mal hilft
Sagen Sie es, bevor Sie anfangen. Laut oder im Kopf, drei Worte: Ich bin aufgeregt. Bei Alison Wood Brooks war das der ganze Eingriff. Es klingt zu billig, um zu wirken. Es wirkt trotzdem.
Rechnen Sie mit dem Herzklopfen, statt darauf zu warten, dass es nachlässt. Wer den Anfang vom Verschwinden der Aufregung abhängig macht, wartet auf ein Signal, das vor dem ersten Schritt nicht kommt. Dass die Sicherheit erst danach auftaucht, ist gut untersucht: 3 Tipps für mehr Zuversicht: Mut kommt nach dem Start.
Und falls die Anspannung über das Fenster hinausschießt, wenn die Hände zittern und der Kopf leer ist: Dann kommen Sie mit Umdeuten allein nicht mehr weit. Da hilft der Körper, langes Ausatmen zum Beispiel, bis die Spitze weg ist. Umdeuten ist das Mittel für die normale Aufregung vor einer wichtigen Sache, und die haben wir weitaus häufiger.
Das nächste Mal, wenn Ihr Herz vor einer Präsentation oder einem schwierigen Gespräch einen Satz macht: Stellen Sie sich vor, es klatscht Ihnen Applaus. Dafür, dass Sie da sind. Dann sagen Sie die drei Worte. Und dann fangen Sie an.
Ich wünsche Ihnen Momente, in denen Ihr Herz saust und Sie wissen, dass genau das der richtige Zustand ist.
Woher die Angaben stammen
Karaoke, Kurzrede und Mathetest stehen bei Alison Wood Brooks, „Get Excited. Reappraising Pre-Performance Anxiety as Excitement“, Journal of Experimental Psychology: General 143/3 (2014), Seiten 1144 bis 1158.
Den Versuch mit den zwei Prüfern beschreiben Jeremy P. Jamieson, Matthew K. Nock und Wendy Berry Mendes in „Mind Over Matter. Reappraising Arousal Improves Cardiovascular and Cognitive Responses to Stress“, Journal of Experimental Psychology: General 141/3 (2012), Seiten 417 bis 422. Es nahmen 49 Personen teil, die Gruppe ist also klein. Dieselbe Arbeitsgruppe fand einen ähnlichen Effekt bei Studierenden, die sich auf eine Aufnahmeprüfung vorbereiteten: Jeremy P. Jamieson und andere, „Turning the Knots in Your Stomach into Bows. Reappraising Arousal Improves Performance on the GRE“, Journal of Experimental Social Psychology 46/1 (2010), Seiten 208 bis 212.
Stand: August 2026
