
Vor einiger Zeit habe ich einer Teilnehmerin nach ihrer Präsentation gesagt, was mir daran gefallen hat. Es war ehrlich gemeint. Sie hatte einen schwierigen Einstieg gefunden, sie hatte auf eine Zwischenfrage ruhig reagiert, und sie war in der Zeit geblieben.
Sie hörte zu, nickte, und als ich fertig war, sah sie mich an und fragte: „Und was kommt jetzt?“
Ich habe einen Moment gebraucht, um zu verstehen, was sie meinte. Sie wartete auf das Aber. Für sie war klar, dass Lob in dieser Situation kein Lob ist. Es ist die Anfahrt.
„Und was kommt jetzt?“
Irgendwer hatte ihr das beigebracht. Nicht mit Absicht, vermutlich sogar mit guter Absicht, und ziemlich sicher mit einer Methode, die in Führungsseminaren seit Jahrzehnten weitergereicht wird: Lob, Kritik, Lob. Das Feedback-Sandwich.
Die Logik dahinter klingt einleuchtend. Kritik zwischen zwei angenehmen Scheiben kommt besser an, der andere macht nicht zu, das Gespräch bleibt freundlich.
Was dabei passiert, ist etwas anderes. Die Empfängerin lernt, worauf sie achten muss. Und beim nächsten Mal hört sie das Lob gar nicht mehr, weil sie damit beschäftigt ist, auf den mittleren Teil zu warten.
Was alle sagen und was geprüft wurde
An dieser Stelle wäre es einfach, das Übliche zu schreiben. Das Sandwich ist tot, es verwässert die Botschaft, es macht die Kritik unklar. So steht es in jedem zweiten Beitrag zum Thema, und ich habe es selbst lange so weitergegeben.
Dann habe ich nachgesehen, was tatsächlich untersucht wurde. Das Ergebnis hat mich überrascht.
Drei Forscher haben die Methode direkt getestet. Rund neunzig Studierende lösten Rechenaufgaben und bekamen danach entweder sachliches Feedback, ein Sandwich oder gar keine Rückmeldung. Anschließend hatten alle Zeit, sich auf einen zweiten Durchgang vorzubereiten.
Die Sandwich-Gruppe nutzte die Vorbereitungszeit besser und löste danach mehr Aufgaben als die beiden anderen Gruppen.
Die Methode, die überall für tot erklärt wird, hat in der einzigen direkten Prüfung besser abgeschnitten als die Alternative. Die Forscher selbst schreiben dazu, das sei ein Teilbefund und müsse unter anderen Bedingungen wiederholt werden. Genau deshalb ist es interessant. Das einhellige Urteil über das Sandwich beruht nicht auf Daten. Es beruht darauf, dass alle voneinander abschreiben.
Der Preis zahlt sich später
Trotzdem würde ich niemandem raten, wieder Sandwiches zu bauen. Nur aus einem anderen Grund als dem, der überall steht.
Das Experiment hat eine Rückmeldung untersucht, einmal, bei fremden Menschen, die sich danach nie wiedersehen. Ihr Team sehen Sie am Montag wieder. Und übernächsten Monat auch.
Genau da entsteht der Schaden, und er entsteht nicht bei dem Gespräch, in dem Sie das Sandwich benutzen. Er entsteht bei allen Gesprächen danach.
Wer Lob regelmäßig als Verpackung verwendet, bringt seinem Gegenüber bei, dass Lob ein Signal ist. Nach einer Weile funktioniert die Anerkennung nicht mehr, weil sie unter Verdacht steht. Sie verlieren nicht das Sandwich. Sie verlieren die Möglichkeit, jemandem einfach etwas Nettes zu sagen.
Meine Teilnehmerin war an diesem Punkt schon angekommen.
Worauf es tatsächlich ankommt
Es gibt eine große Auswertung zu der Frage, wann Rückmeldung überhaupt etwas bringt. Über sechshundert Untersuchungen wurden dafür zusammengefasst.
Im Schnitt half Feedback. Der bemerkenswerte Teil steht daneben: In mehr als einem Drittel der Fälle wurde die Leistung danach schlechter. Nicht gleich gut. Schlechter.
Ausschlaggebend war dabei nicht die Verpackung. Ausschlaggebend war, wohin die Rückmeldung die Aufmerksamkeit lenkt. Zeigt sie auf die Sache, hilft sie. Zeigt sie auf die Person, kann sie schaden.
Das ist der Unterschied zwischen diesen beiden Sätzen:
„Die Einleitung war zu lang, dadurch blieb für die Zahlen kaum Zeit.“
„Du schweifst immer so aus.“
Der erste Satz beschreibt etwas, das sich ändern lässt. Der zweite beschreibt einen Menschen. Beim ersten denkt der andere über die Einleitung nach. Beim zweiten denkt er über sich nach, und dann ist die Einleitung längst kein Thema mehr.
Ob Sie zwei Scheiben Lob drumherum legen, ist gegen diesen Unterschied eine Nebensache.
Drei Dinge folgen daraus für den Alltag.
Sagen Sie Lob, wenn Sie es meinen, und nur dann. Anerkennung, die nichts ankündigt, ist die wirksamste, die Sie haben. Und sie kostet nichts.
Trennen Sie die Anlässe. Wenn beides ansteht, machen Sie zwei Gespräche daraus, mit Abstand dazwischen. Dann bleibt Lob Lob.
Prüfen Sie Ihren Satz auf das Wort, das die Person meint. Immer, nie, typisch, du bist. Wenn eins davon drinsteht, zeigt Ihr Satz auf den Menschen und nicht auf die Sache. Streichen Sie es und beschreiben Sie stattdessen, was passiert ist.
Ich wünsche Ihnen ein Lob, auf das niemand ein Aber erwartet.
Woher die Angaben stammen
Das Experiment zum Sandwich-Feedback stammt von Jakub Prochazka, Martin Ovcari und Michal Durinik, „Sandwich feedback. The empirical evidence of its effectiveness“, Learning and Motivation 71 (2020), Artikel 101649. Einundneunzig Studierende bearbeiteten zwölf Rechenaufgaben und wurden zufällig drei Gruppen zugeteilt: sachliches Feedback, Sandwich-Feedback oder kein Feedback. Nach zehn Minuten Vorbereitungszeit folgte ein zweiter Aufgabensatz. Die Autoren bezeichnen ihr Ergebnis ausdrücklich als Teilbefund, der weitere Replikationen braucht.
Die große Auswertung zur Wirkung von Rückmeldung ist Avraham N. Kluger und Angelo DeNisi, „The Effects of Feedback Interventions on Performance. A Historical Review, a Meta-Analysis, and a Preliminary Feedback Intervention Theory“, Psychological Bulletin 119/2 (1996), Seiten 254 bis 284. Sie fasst über sechshundert Untersuchungen zusammen. In mehr als einem Drittel der Fälle verschlechterte die Rückmeldung die Leistung. Die daraus entwickelte Theorie beschreibt, dass Rückmeldung dann wirkt, wenn sie die Aufmerksamkeit auf die Aufgabe lenkt, und schaden kann, wenn sie sie auf die Person lenkt.
Stand: August 2026
