Die klassischen Selbstvorwürfe für mangelnde Entscheidungs – „Kraft“ lauten meist in etwa so:

  • Ich kann mich einfach nicht entscheiden.
    (Anmerkung Ihrer Entscheidung: das bedeutet meist: ich will (noch) nicht. Mir fehlt noch was.)
  • Ich bin es so leid, mich damit zu beschäftigen. Ich finde einfach keine Lösung.
  • Ich habe keine Ahnung.

 

Woran liegt diese augenscheinliche Unfähigkeit? Fehlende Disziplin? Mangelnde Klarheit? Oftmals: Weder noch!

Ein Grund, der vielen von uns nicht bewusst ist, lässt sich in unserer Willenskraft finden.

Willenskraft: ein schönes Wort, oder? Es beschreibt die Kraft, die mein Wille ausübt oder ausüben kann, um mich zu einer Handlung, einer Aktion, einer Entscheidung oder auch zum Nichtstun zu bewegen und dort zu halten. Grade beim Nichtstun überrasche ich mich oft genug selbst damit, dass hier meine Willenskraft Olympia-würdige Qualitäten hat, und das völlig mühelos. Wenn ich diesen Gedanken folge, könnte die Konsequenz lauten, dass wir alle über eine gewisse Meisterschaft im Untätig-Bleiben verfügen, und unsere Willenskraft eigentlich gut zu nutzen wissen.

Was vielen nicht klar ist: Willensstärke kann sich erschöpfen. Die Kraft, die uns hier als menschlichen Individuen zur Verfügung steht, lässt mit der Zeit nach. Diese Zeit kann sich je nach Aufwand und Thema von einigen Minuten über Tage und Wochen erstrecken.

Wer hat während einer Diät nicht schon sehnsüchtig auf den vergessenen Schokoriegel im Küchenschrank gestarrt und die Tür standhaft 5-10mal wieder geschlossen, nur um beim 11. Mal hemmungslos darüber herzufallen?

Untersuchungen haben gezeigt, dass diese Ermüdungserscheinungen, die sogenannte „Ego-Depletion“, besonders häufig in langwierigen Verhandlungen zu beobachten sind.

Mehrere Verhandlungspartner, die sich über viele Stunden darum bemühen, ihre Verhandlungsposition möglichst optimal durchzusetzen, landen unweigerlich an dem Punkt, an dem sie aus schlichter Erschöpfung heraus Zugeständnisse machen.

Erinnern Sie sich an eine selbst erlebte ähnliche Situation? Sie verhandeln und diskutieren Optionen, aber Ihr Gegenüber will einfach nicht von seinem Standpunkt abrücken. Ersetzen Sie das Wort Verhandlung mit Beziehungsgespräch, und Sie sind mitten im schönsten Streit. Da unsere Zivilisation und Kultur es glücklicherweise ablehnt, unseren Gesprächspartner mit reiner Muskelkraft zu überzeugen, sind wir auf sprachliche Mittel wie Argumente, Gründe und ja – unsere Willenskraft angewiesen, um am Ball zu bleiben. Je länger die Verhandlung nun dauert und je mehr Entscheidungen bereits getroffen wurden, desto stärker ermüdet unsere Willenskraft. Geschickte Verkäufer starten Verhandlungen daher mit einer Vielzahl an vermeintlich kleinen und ungefährlichen Entscheidungen („Gefällt Ihnen der Wagen in rot oder blau besser?“), um dann nach offensichtlicher Ermüdung Ihrem Gegenüber die Entscheidung zum Kauf zu „erleichtern“.

Haben Sie schon einmal zu etwas „JA“ gesagt, nur um das Thema zu beenden? Nur um des lieben Friedens willen? Und es möglicherweise danach bereut?

Das dachte ich mir.

 

Seien Sie sich bewusst, dass jede Ihrer Entscheidungen bedeutet, dass Sie ein klitzekleines Stück Willenskraft aufbrauchen. Dies ist kein Aufruf zum Aufgeben, obwohl es sehr entspannend sein kann, manche Entscheidungen nicht oder später zu treffen, oder andere damit zu beauftragen. Setzen Sie Ihre Willenskraft für die Entscheidungen ein, die es Ihnen wert sind. Unschlüssige Gedanken zur täglichen Schuhauswahl, der passenden Handtasche oder zum Belag Ihrer Frühstückbrötchen lassen weniger Raum und Kraft für die „primären“ Entscheidungen Ihres Lebens.

Ihre Willenskraft erholt sich übrigens durchaus. Geben Sie ihr ein bisschen Zeit, nach einem stressigen Tag wieder zu Kräften zu kommen. Je besser Sie sich fühlen, je mehr Sie auf sich achten, desto schneller kann sich Ihre Willenskraft auftanken.

 

Legen Sie wichtige Entscheidungen auf den Morgen oder auf Momente, in denen Sie ausgeruht und in einem guten Zustand sind. Dann steht Ihnen Ihre Willenskraft in ihrer vollen Pracht zur Verfügung und hat genug Energie, um die Entscheidung wirklich mit Ihnen zu treffen.

Üben Sie im Kleinen: Auszählreime wie das gute alte „Eene meene Muh“ können lästige Entscheidungsprozesse im Alltag abnehmen. Käse statt Schinken. Und dann genießen.

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