Probefahren kostet nichts

Bei komplexen Entscheidungen wird der zu zahlende Preis oft als besonders unkalkulierbar eingeschätzt. Wir wissen einfach nicht, wie es uns damit gehen wird, wenn wir uns nun endlich zum Umzug in eine andere Stadt aufraffen oder doch die neue Karriere starten. Wie wird unser Umfeld reagieren? Welche Konsequenzen kann es haben, die ich noch nicht überblicken kann? Und am allerwichtigsten: werde ich es nicht doch bereuen? Die Resultate liegen noch (weit) in der Zukunft, und wir haben manchmal schlicht Angst vor dem Unbekannten.

Mein Tipp: Machen Sie mit Ihrer Entscheidung einen Tag lang eine Probefahrt. So können Sie ganz gemütlich und völlig risikofrei testen, welche Gedanken mit dem neuen Status Quo durch Ihren Kopf schießen, wie es sich anfühlt und wie Sie sich verhalten würden, wenn die Entscheidung bereits getroffen wäre.

 

Geht nicht, sagen Sie? Ich werde Ihnen beweisen, dass Sie wie jeder Mensch ganz hervorragend Zeitsprünge im Kopf machen können.

Erinnern Sie sich noch an Ihre letzte Prüfung? Eventuell liegt sogar grade eine noch vor Ihnen? Oder ein wichtiges Gespräch? Wie ging/geht es Ihnen im Vorfeld? Sie sitzen vielleicht grade gemütlich auf der Couch, haben einen leckeren Kaffee vor sich stehen und lesen diese Zeilen. Bei dem Gedanken an dieses unangenehme zukünftige Ereignis wird Ihnen klar, was alles schief gehen kann. Möglicherweise geraten Sie kurz vorher in einen Regenguss und stehen tropfend und mit ruinierter Frisur vor Ihrem potentiellen Arbeitgeber. Oder Sie können diese eine letzte Frage, die das Ruder nochmal rumreißen kann, einfach nicht beantworten und sehen den Prüfer mit leerem Blick an? Sie haben Bedenken, dass irgendetwas ganz furchtbar schief gehen wird und Ihnen wird JETZT ganz mulmig? Und das, obwohl Sie grade gemütlich auf der Couch sitzen, einen leckeren Kaffee vor sich stehen haben und diese Zeilen lesen. Und absolut gar nichts passiert ist. Außer, dass Sie mit mir grade ein kleines Gedankenexperiment hinter sich gebracht haben. Damit Sie jetzt nicht im Lampenfiebergefühl der letzten Prüfung festhängen: das funktioniert natürlich genauso und noch besser mit der Vorfreude auf ein Date oder ein Treffen mit Freunden, den heißersehnten Urlaub, das tolle Konzert, für das ein Ticket schon seit Wochen an Ihrem Kühlschrank hängt. (Schnell, denken Sie nochmal kurz an dieses schöne Erlebnis, dass da demnächst auf Sie wartet!). Sie können sich also ganz einfach in eine zukünftige Situation hineinversetzen, sich über „ungelegte“ Eier völlig unbegründet einen Kopf machen oder vor lauter Nicht-mehr-Erwarten-können aufgekratzt durch die Wohnung tanzen. In beiden Fällen nutzen Sie Ihre Vorstellungskraft, die Ihnen auch bei der Entscheidungsfindung eine wunderbare Unterstützung bietet.

Bevor Sie also Ihre Entscheidung in die Welt tragen, indem Sie sie aussprechen, entsprechende Aktionen einleiten oder andere Veränderungen starten, gönnen Sie sich einen Tag lang ganz für sich eine emotionale Probefahrt.

Nehmen Sie eine Ihrer Option und tun Sie so, als ob Sie die Entscheidung nun schon getroffen hätten. Was wäre anders? Welche Gespräche würden Sie führen? Was genau würden Sie jetzt tun, wenn Ihr Entschluss feststeht? Welche Gedanken hätten Sie wohl in diesem Bewusstsein? Und wie würden Sie sich fühlen? Heute? Morgen? In einer Woche?

 

Als ich vor vielen Jahren aus Australien nach Deutschland zurückkam, hatte ich die Entscheidung zu treffen, wo ich in Zukunft leben wollte. Meine alte, liebgewonnene Heimat München oder die noch völlig unbekannte Hauptstadt? Inmitten all meiner Kartons war ich zu diesem Zeitpunkt bei Freunden und Familie zwischengeparkt und hatte keine Möglichkeit zum echten Probewohnen in einer der beiden Städte. Also entschied ich mich für die virtuelle Variante und gestaltete jeweils einen Tag in Berlin und einen in München. Alle paar Stunden fragte ich mich: wenn ich jetzt in München bzw. Berlin wäre, was würde und was müsste ich tun? Und wie würde es mir damit gehen? Wie würde es mir nach der ersten Woche gehen? Was hätte ich alles getan in dieser Woche?

Mein Kopfkino in München begann mit Wohnungssuche, Behördengängen, Einkaufen und allen möglichen Pflichten, die so ein Umzug eben mit sich bringt. Berlin hingegen lockte mit dem Neuen, mit dem Erkunden von Möglichkeiten, mit der Suche eines WG-Zimmers zum Einstieg (diese Idee kam mir für München überhaupt nicht) und mit sehr viel Neugier. Während für München also erst mal „nur“ das bereits bekannte U-Bahnnetz sprach, löste ein virtueller Tag in Berlin jede Menge Spaßgefühle, Entdeckergeist und Lust auf Improvisation aus. Nach einer Woche in Berlin hatte ich eine lange Liste mit spannenden Erlebnissen und Entdeckungen; nach einer Woche München war ich genervt von der schwierigen Wohnungssituation und dem ständigen Hin- und Herfahren. Mir war selbst nicht wirklich bewusst, dass die altvertraute Variante nicht darstellte, was mir wichtig war. Meine kleinen Ausflüge haben mich also darin bestärkt, den Weg zu gehen, der sich als goldrichtig erwiesen hat.

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