Wenn es um darum geht, eine Entscheidung zu treffen, berichten die meisten meiner Seminarteilnehmer von ihren Pro – und Kontralisten. Wer kennt sie auch nicht – die wunderbaren Listen, säuberlich aufgegliedert in zwei Spalten, die auch „Gut gegen Böse“ heißen könnten. Auf der guten Seite finden sich bei vielen all die sachlichen Gründe und auf der schlechten Seite die Ängste und Zweifel, die die Entscheidung so schwer fallen lassen. Diese sehr kategorische Einteilung funktioniert wunderbar für Charakterbeschreibungen bei den Helden und Schurken in Action- und Disneyfilmen. Sie haben den Vorteil, übersichtlich zu sein und eine strukturierte Sammlung von Informationen zu ermöglichen. Aber ist sie auch hilfreich für Ihre Entscheidung?

 

Eine typische (zugegeben, nicht so ganz ernst gemeinte) Liste zum Thema Berufswechsel könnte so aussehen:

Neuer Job – Ja oder nein?

Pro (gut)

  • Höheres Gehalt
  • Größere Entwicklungsmöglichkeit
  • Mehr Verantwortung
  • Gut für den Lebenslauf
  • Kürzerer Fahrweg

Kontra (böse)

  • Komischer Chef
  • Keine Ahnung, was ich da machen werde
  • Kleineres Büro
  • Mehr Hierarchie
  • Weniger Zeit und Urlaub
  • Eigentlich kann ich das gar nicht und sie werden es rausfinden

 

Viele erstellen ihre Listen so lange, bis sie mehr Gründe für die Seite gefunden haben, die sie sowieso bevorzugen. Oder – noch schlimmer – beide Seiten sind völlig ausgewogen und gleichwertig und liefern damit auch keine Entscheidungshilfe. In diesem Fall habe ich also meine Unsicherheit untermauert, indem ich es schriftlich festhalte und Äpfel mit Birnen vergleiche. Oder sollten wir unsere Listen so verstehen, dass mehr Geld einen komischen Chef wett macht?

Möglicherweise. Diese „komparativen“ Entscheidungslisten geben uns leider keine Möglichkeit zur Gewichtung der einzelnen Punkte. Jedes Kriterium hat sozusagen den gleichen Wert „1“, obwohl die Wertigkeit sich untereinander beträchtlich unterscheiden. Und so verknüpfe ich hier 2 Dinge, die für mich unabhängig voneinander wichtig sind. Das verzerrt mein Bild auf das angestrebte Ziel und sorgt eher für Verwirrung als Klärung. Denn wer von Ihnen hat sich in Bezug auf seine Freizeitgestaltung gegen den Kinobesuch entschieden, um stattdessen endlich die Sockenschublade zu sortieren? Den Pluspunkten für einen Kinobesuch stellen wir in der Regel keine unangenehmen Punkte gegenüber, sondern wählen vergleichbare Aktivitäten.

Bei Pro/Kontralisten hingegen sind wir völlig unbekümmert, was die Qualität der einzelnen Punkte angeht, sondern hoffen meist einfach nur blind darauf, dass eine der beiden Seiten schon so viel länger sein wird, das es uns ins Auge springt und die zusätzlichen Zentimeter uns die Entscheidung abnehmen.

In einem meiner Trainings sollten die Teilnehmer sich für eine bestimmte Urlaubsart (Strand oder Berge) entscheiden, indem sie eine komparative Liste anlegten. Während der Entscheidungsfindung hörte ich im ganzen Raum Sätze wie: „Ich brauche unbedingt noch ein paar Punkte auf der rechten Seite, damit auf alle Fälle Strand rauskommt!“

Komparative Entscheidungslisten sind also höchst anfällig für (un)-bewusste Manipulation. Oft genug haben wir nämlich schon eine „Lieblings“-Alternative, die vorzeitig auf meist unbewussten Urteilen gefällt wurde. Diese Urteile werden auch als Voreinstellung bezeichnet. Das bedeutet, dass die Urlaubsplanung von unbewussten Vorlieben getragen werden kann, die aber wiederum nicht alle aktuell wichtigen Kriterien (Finanzen, Reisepartner, Reisezeit…) berücksichtigen. Die Kombination aus Lieblingsalternative und Voreinstellungen führt uns daher oft genug zu Entscheidungen, die uns an einer Kreuzung falsch abbiegen lassen.

 

Wie wir uns auch anders entscheiden können, erfahren Sie in Teil 2 oder bei http://juliagrebe.de/event/wie-entscheide-ich-mich-richtig/