Jetzt mal langsam!

Wir sind grade mal ein paar Wochen im neuen Jahr und schon hat man wieder das Gefühl, die Zeit vergeht im Fluge. Alles, was ich letztes Jahr nicht mehr geschafft habe und die ganzen neuen Vorhaben (ja, es stehen die üblichen Verdächtigen auf meiner in großen Teilen noch unerfüllten Neujahrvorsatzliste) scheinen sich auf wundersame Weise zu vermehren. Dabei hatte ich mir eigentlich vorgenommen, es dieses Jahr etwas ruhiger mit mehr Zeit für den Genuss und Spaß angehen zu lassen.

Also habe ich dieses Wochenende auf der Suche nach Inspiration im Netz geforscht und bin auf ein sehr unterhaltsames Phänomen gestoßen.

 

Slow TV!

Ja, das gibt es. Und zwar in Norwegen. 2009 strahlte ein norwegischer Fernsehsender das erste Slow-TV –Programm aus: die Eisenbahnfahrt von Bergen nach Oslo- in Echtzeit. Sieben Stunden lang konnte man genüsslich auf dem heimischen Sofa Platz nehmen und Minute für Minute die südnorwegische Landschaft durch Fjorde und Berge bewundern. Diese Art der „Schönsten Eisenbahnstrecken“ läuft bei uns meist nachts in den Dritten Programmen, also vermutlich für die Nachtaktiven gedacht, die mit Schäfchen Zählen zum Einschlafen nicht mehr gut zurechtkommen. In Norwegen war die Ausstrahlung ein Hit: 20% der Norweger, sprich 1,2 Millionen Menschen, sahen zu! Das entspräche allen Einwohnern von Köln…

Seitdem ist das Slow-TV fester Bestandteil der norwegischen Fernsehlandschaft. 134 Stunden Hurtigruten, 12 Stunden Strickmarathon oder 24 Stunden Lachsfischen (der erste Fisch wurde übrigens nach circa drei Stunden gefangen) sind nur einige der gezeigten Slow-TV-Sendungen, die alle mit großer Begeisterung aufgenommen werden. Sogar Netflix hat einige der Dokumentationen in sein Programm aufgenommen.

 

Welche Faszination geht von der Echtzeit-Übertragung aus?

Der Produzent und Co-Ideengeber Thomas Hellum erklärt die Faszination für eine Geschichte ohne Handlung, Höhepunkte und Kurzweiligkeit so: „ Das Wichtigste ist das Beibehalten der echten Zeitlinie. Wir sind so daran gewöhnt, dass Dinge nur kurz andauern. Filme sind kurz, Meetings zeitlich getaktet, der Kontext unseres Lebens ändert sich ständig. Unsere Aufmerksamkeitsspanne beträgt mittlerweile im Durchschnitt nur noch acht Sekunden!  Deswegen ist ein zusammenhängender Kontext über viele Stunden und Tage so exotisch. Die meisten Menschen erleben solche Momente nur auf Reisen oder im Urlaub. Es ist eine nicht unterbrochene Geschichte, die mit allen Facetten – so langweilig sie auch sind – von Anfang bis Ende erzählt wird. Das lässt viel Spielraum für die Entwicklung eigener Gedanken und inspirierendes Nichtstun.“

 

Einen wunderbaren Vortrag dazu gibt es hier: Thomas Hellum TED Talks Slow TV

 

Ich bin am Wochenende in die Bergenbahn eingestiegen und habe meinen mentalen Kurzurlaub sehr genossen. Ob ich auch für den Strickmarathon nochmal einschalte, werde ich mir überlegen – falls ich mich dazu entscheide, kommt in jedem Fall noch ein weiteres Vorhaben auf die Vorsatzliste: Stricken lernen, damit ich mitstricken kann!

Ich wünsche dir einen langsamen Wochenstart,

herzliche Grüße

Julia