Die wenigsten wichtigen Entscheidungen müssen innerhalb von Sekunden getroffen werden. Selbst die telefonische Zusage des neuen Jobs am Telefon durch den neuen Arbeitgeber erfordert meist kein sofortiges Ja, sondern kann mit der Bitte um Bedenkzeit um einige Stunden vertagt werden. Andererseits plagen wir uns oft sogar jahrelang mit einer bestimmten Entscheidung, die wir treffen, dann wieder verwerfen und wieder neu treffen.

 

Gehen Sie doch kurz auf eine kleine Reise mit mir. Erinnern Sie sich noch an die Zeit als Teenager, als jede Entscheidung („Soll ich ihn anrufen oder warten, bis er sich meldet?“ oder „Sage ich meine Freundin, dass ihre Frisur einfach nur furchtbar ist oder nicht?“) potentiell bei fehlerhafter Einschätzung mit einem kleinen Weltuntergang verbunden war? Über welche dieser bewegenden Momente des Dramas können Sie heute schmunzeln? Ich vermute mal, dass viele uns, die in Tagebüchern dieser Zeit blättern, nicht mehr wirklich nachvollziehen können, was uns damals als Zentrum unseres Universums bewegt hat. Und ich wage zu behaupten, dass die Entscheidungen, die wir damals getroffen haben, heute nicht mehr die Wichtigkeit hätten, die wir ihnen zu ihrer Zeit beigemessen haben.

„Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird.“ So altvertraut und abgenutzt Omas Merksatz auch klingt, es steckt viel Wahrheit darin. Wir neigen dazu, dem Faktor Zeit eine besonders große Rolle einzuräumen, je mehr wir glauben, die Auswirkungen überblicken zu können. Je konkreter die Wahrscheinlichkeit für einen bestimmten Ausgang unserer Wahl ist, desto mehr setzen wir uns unter Zeitdruck.

Als gestresster Entscheider glauben Sie, keine Zeit für die Erwägung anderer Alternativen zur Verfügung zu haben. In den meisten Fällen wäre aber tatsächlich ein größerer Spielraum möglich als wir uns zugestehen. Subjektiv erlebter Zeitdruck wird in der Psychologie als „cognitive tunneling“, also geistige Einengung bezeichnet. Der berühmte Tunnelblick, der in Stresssituationen häufig auftaucht, sorgt dafür, dass wir nur noch einen kleinen Ausschnitt unserer Wahlmöglichkeiten wahrnehmen und alles andere ignorieren. Wir sammeln grade für wichtige Entscheidungen unter Stress keine weiteren Informationen, sondern folgen dem Gefühl, jetzt schnell handeln zu müssen. Berufsgruppen wie Ärzte oder Piloten, die in Notsituationen sofort reagieren müssen, werden daher extra darauf trainiert, sich über alle zur Verfügung stehenden Informationen Klarheit zu verschaffen, bevor sie handeln. Da die meisten von uns nicht mit solch weitreichenden Konsequenzen zu rechnen haben, wenn sie eine Entscheidung um einige Minuten, Stunden, Wochen oder Monate vertagen, ist unsere Reaktion auf Stresssituationen genau betrachtet recht unverständlich.

Trainieren Sie Ihre Streßresistenz. Geben Sie sich ganz bewusst einige zusätzliche Minuten, in denen Sie über die Kriterien nachdenken, bevor Sie Ja oder Nein sagen. Üben Sie im Kleinen und beginnen Sie in Ihrem Freundeskreis. Die Antwort auf die nächste Bitte, die jemand an Sie richtet, vertagen Sie einfach auf den Abend oder nächsten Morgen, auch wenn Ihre Entscheidung schon feststeht. Ihr Arbeitgeber benötigt die Entscheidung zu Ihrem Abteilungswechsel genau jetzt? Bitten Sie um eine halbe Stunde Bedenkzeit, um wenigstens die offensichtlichsten Vor- und Nachteile durchdenken zu können. Üben Sie, wann immer Sie können, nicht aus Panik heraus zu entscheiden, sondern verschaffen Sie sich ein wenig Raum.

Ein Seminarteilnehmer berichtete mir, dass er in Meetings regelmäßig den Raum verließ, sobald Entscheidungen anstanden, um sich „die Hände waschen zu gehen“. Für ihn war der Ruf, unter einer Waschneurose zu leiden, nicht halb so schlimm zu ertragen, wie unter Druck und Stress getroffene Fehlentscheidungen, deren Konsequenzen er nicht überblicken konnte.

Also raus aus dem Tunnel und genießen Sie die Aussicht, auch wenn es mal schnell gehen muss.

 

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